Dirigentin aus Leidenschaft

Anna Skryleva

1. Kapellmeisterin am Staatstheater Darmstadt: Anna Skryleva

Frau Skryleva, Sie sind seit dieser Spielzeit 1. Kapellmeisterin und stellvertretende Generalmusikdirektorin am Staatstheater Darmstadt. Ein Titel, der Frauen nicht häufig verliehen wird. Dirigieren ist tatsächlich die einzige Künstlerdomäne, wo Frauen noch einen echten Exotenstatus haben.

Es stimmt, Dirigentinnen sind noch immer selten. Aber auch in anderen künstlerischen Berufen, z.B. bei den Intendantinnen, sind Frauen noch nicht häufig anzutreffen. Das hat sicher mehrere Gründe. Viele Musikerinnen wollen nicht diesen harten Weg der Dirigenten-Karriere gehen. Es ist auch ein einsames Geschäft, man muss oft viel Reisen, ist ständig unterwegs, wenn man selbständig und sehr gefragt ist. Das lässt sich meist nicht gut mit den Wünschen nach einer Beziehung und Familie vereinbaren. Das gilt allerdings für Frauen und Männer gleichermaßen. Man braucht aber schon einen sehr toleranten und flexiblen Partner, der diese verschlungenen Wege und häufigen Standortwechsel mitmacht. Ich habe das Glück, den richtigen Ehemann gefunden zu haben. Er hat zur Zeit die Möglichkeit, sich häufig um unsere sechsjährige Tochter zu kümmern.

Müssen in dieser Branche die Chefinnen den weiblichen Nachwuchs bewusst fördern, damit er gegen den hartnäckigen Männerklüngel eine Chance hat? Wer waren Ihre Lehrer/innen und künstlerischen Vorbilder?

Nun, ich bin tatsächlich sehr stark von Frauen in meiner Laufbahn geprägt worden. Meine Mentorinnen waren ausschließlich Frauen, die auch gerne Frauen gefördert haben. An meiner Entscheidung Dirigentin zu werden, war auch eine Frau beteiligt: Ich hatte mich auf eine Stelle als künstlerische Assistentin und Korrepetitorin bei Alicja Mounk in Karlsruhe an der Musikhochschule beworben. Diese Stelle enthielt auch eine Dirigierverpflichtung. So musste ich – zusätzlich zu meiner Ausbildung als Konzertpianistin – das Dirigieren erlernen. Frau Mounk war übrigens eine der ersten weiblichen GMDs in Deutschland am Theater Ulm. Danach arbeitete ich als Dirigentin und Assistentin fünf Jahre mit Simone Young in Hamburg zusammen. Wir waren eine Zeit lang zusammen mit Karen Kamensek (sie ist heute GMD am Staatstheater Hannover) eine reine Frauenriege an der Oper in Hamburg. Was für Männer völlig üblich ist, fühlte sich für uns schon fast befremdlich an.

Zum Glück bringt der Generationenwechsel bei den Dirigentinnen heute immer mehr Selbstverständlichkeit für Frauen in das Metier.

Gibt es denn auch klare Vorteile, die eine Frau in Ihren Augen am Dirigentenpult hat?

Anna Skryleva

„Jeder Dirigent – ob männlich oder weiblich – hat seine ganz eigene Präsenz. Wichtig sind die Persönlichkeit und die ureigene Ausstrahlung.“

Jeder Dirigent – ob männlich oder weiblich – hat seine ganz eigene Präsenz. Wichtig sind die Persönlichkeit und die ureigene Ausstrahlung. Das hat nicht unbedingt etwas mit oberflächlicher Attraktivität zu tun. Dirigentinnen werden aber vielleicht noch ein wenig kritischer betrachtet. Wir arbeiten schließlich nicht nur mit den Ohren, sondern auch mit den Augen, haben Blickkontakt zu den Orchestermusikern und -musikerinnen, man ist ja auch optisch auf der Bühne präsent. Frauen haben einen Vorteil bei der Kleidung. Während Dirigenten sich in die „Uniform“ des Fracks oder dunklen Anzugs zwängen müssen, haben Frauen vielmehr Möglichkeiten ihre persönlichen Vorlieben zu unterstreichen. Ich dirigiere zum Beispiel auch gerne in langen, fließenden Kleidern und wähle wenn möglich manchmal das passende Kleid zum Stück. „Carmen“ beispielsweise würde ich am liebsten immer im Kleid dirigieren.

Sie sind eine experimentierfreudige Musikerin – in einem außergewöhnlichen Konzertprogramm in Flensburg haben Sie Trompeter auf einem Staubsauger Musik machen lassen. Wie kam es dazu? Haben Sie für das Staatsorchester Darmstadt und sein Publikum ähnliche Überraschungen vor?

Das Konzert in Flensburg war ein besonderes Projekt unter dem Titel „Maskerade“. Das musikalische Thema für diese Spielzeit in Darmstadt lautet Engel und Sterne, da werde ich mir natürlich etwas anderes einfallen lassen – das bleibt noch geheim und wird zum Neujahrskonzert 2014 im Staatstheater zu hören und zu sehen sein. Jetzt bereite ich mich erstmal auf das nächste Sinfoniekonzert am 3./4. November vor und natürlich auf die Uraufführung der Musicals Timm Thaler am 16. November 2013.

Südhessen ist nun Ihre neue Lebensregion – was reizt Sie besonders an Darmstadt und der Umgebung?

Leider hatte ich noch nicht viel Gelegenheit die Umgebung zu sehen – aber sobald ich Zeit habe, werde ich mit meiner Familie auf Erkundungstour gehen. Bislang hat mich besonders die Mathildenhöhe in Darmstadt beeindruckt. Vor allem die russische Kapelle weckt in mir heimatliche Gefühle, irgendwie ist es etwas Vertrautes, was mich immer wieder anzieht. Und nicht weit davon habe ich auch eine Wohnung gefunden – ganz passend im Komponistenviertel.

Fotos: Thomas Leidig

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Ein Gedanke zu „Dirigentin aus Leidenschaft

  1. Eine wunderbare Künstlerin und außergwöhnliche Frau.
    „Jeder Dirigent – ob männlich oder weiblich – hat seine ganz eigene Präsenz. Wichtig sind die Persönlichkeit und die ureigene Ausstrahlung.“ Wie wahr!

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